Full Lyrics
Mich vom Stricke meiner Sünde zu entbinden,
wird mein Gott gebunden.
Von der Laster Eiterbeulen mich zu heilen,
lässt er sich verwunden.
Es muss, meiner Sünden Flecken zu bedecken,
eignes Blut ihn färben,
ja, es will, ein ewig Leben mir zu geben,
selbst das Leben sterben.
Evangelist:
Als Jesu nun zu Tische saß
und er das Osterlamm, das Bild von seinem Tod,
mit seinem Jüngern aße,
nahm er das Brot,
Und wie er es, dem Höchsten dankend, brach,
gab er es ihnen hin und sprach:
Jesus:
Das ist mein Leib: Kommt, nehmet, esset,
damit ihr meiner nicht vergesset.
Tochter Zion:
Der Gott, dem alle Himmelskreise,
dem aller Raum zum Raum zu klein,
ist hier auf unerforschte Weise,
in, mit und unter Brot und Wein.
Und will der Sünder Seelenspeise,
o Lieb', o Gnad', o Wunder sein.
Evangelist:
Und bald hernach
nahm er den Kelch
und dankte,
gab ihn ihnen und spracht:
Jesus:
Das ist mein Blut im Neuen Testament,
das ich für euch und viele will vergießen.
Es wird dem, der es wird genießen,
zur Tilgung seiner Sünden dienen.
Auf dass ihr dieses recht erkennt, will ich,
dass jeder sich mit diesem Blute tränke,
damit er meiner stets gedenke.
Tochter Zion:
Gott selbst, der Brunnquell alles Guten,
ein unerschöpflich Gnadenmeer,
fängt für die Sünder an zu bluten,
bis er von allem Blute leer,
und reicht aus diesen Gnadenfluten
uns selbst sein Blut zu trinken her.
Ach, wie hungert mein Gemüte,
Menschenfreud, nach deiner Güte!
Ach, wie pfleg' ich oft mit Tränen
mich nach dieser Kost zu sehnen!
Ach, wie pfleget mich zu dürsten
nach dem Trank des Lebensfürsten,
wünsche stets, dass mein Gebeine
sich durch Gott mit Gott vereine!
Evangelist:
Drauf sagten sie dem Höchsten Dank,
und nach gesprochenem Lobgesang
ging Jesus über Kidrons Bach
zum Ölberg,
da er dann zu seinen Jüngern sprach:
Jesus:
Ihr werdet all
in dieser Nacht
euch an mir ärgern,
ja mich gar verlassen.
Wir wollen alle eh' erblassen,
als durch solch Untreu' dich betrüben.
Jesus:
Es ist gewiss, denn also steht geschrieben:
Weil ich den Hirten schlagen werde,
zerstreut sich die ganze Herde.
Petrus:
Aufs wenigste will ich
trotz allen Unglücksfällen,
ja sollte durch die Macht der Höllen
die ganze Welt
zu Trümmern gehn,
dir stets zur Seite stehn.
Jesus:
Dir sag' ich:
Ehe noch der Hahn wird zweimal krähn,
wirst du schon dreimal
mich verleugnet haben.
Petrus:
Eh' soll man mich mit dir
erwürgen und begraben,
ja zehnmal will ich eh' erblassen,
eh' ich dich will verleugnen und verlassen.
Jesus:
Verziehet hier, ich will zu meinem Vater treten;
schlaft aber nicht,
denn es ist Zeit zu beten.
Mich drückt der Sünden Zentnerlast,
mich ängstiget des Abgrunds Schrecken;
mich will ein schlammiger Morast,
der grundlos ist, bedecken;
mir presst der Höllen wilde Glut
aus Bein und Adern, Mark und Blut.
Und weil ich noch zu allen Plagen
muss deinen Grimm, o Vater, tragen,
vor welchem alle Marter leicht,
so ist kein Schmerz, der meinem gleicht.
Ist's möglich, dass dein Zorn sich stille,
so lass den Kelch vorübergehn,
doch müsse, Vater, nicht mein Wille,
dein Wille nur allein geschehn.
Tochter Zion:
Sünder, schaut mit Furcht und Zagen
eurer Sünden Scheusal an,
da derselben Straf' und Plagen
Gottes Sohn kaum tragen kann.
Evangelist:
Die Pein vermehrte sich
mit grausamem Erschüttern,
so dass er kaum vor Schmerzen röcheln kunt;
man sah die schwachen Glieder zittern,
kaum atmete sein trockner Mund;
das bange Herz fing an
so stark zu klopfen,
dass blut'ger Schweiß in ungezählten Tropfen
aus seinen Adern drang,
bis er zuletzt, bis auf den Tod gequält,
voll Angst, zermartert, halb entseelt,
gar mit dem Tode rang.
Tochter Zion:
Brich, mein Herz, zerfließ in Tränen,
Jesus' Leib zerfließt in Blut.
Hör sein jämmerliches Ächzen,
schau, wie Zung' und Lippen lechzen,
hör sein Wimmern, Seufzen, Sehnen,
schau, wie ängstlich er tut.
Evangelist:
Ein Engel aber kam
von den gestirnten Bühnen,
in diesem Jammer um zu dienen,
und stärket ihn.
Darauf ging er, wo die Schar
der müden Jünger war,
und fand Ruh';
drum rief er ihnen ängstlich zu:
Jesus:
Erwachet doch!
Petrus:
Wer ruft?
Johannes:
Ja, Herr!
Jakobus:
Ja, Herr!
Jesus:
Erwacht!
Könnt ihr in dieser Schreckensnacht,
da ich sink' in des Todes Rachen,
nicht eine Stunde mit mir wachen?
Ermuntert euch!
Johannes, Jakobus, Petrus:
Ja! Ja!
Evangelist:
Und eh' die Rede noch geendigt war,
kam Judas schon hinein
und mit ihm eine große Schar
mit Schwertern und mit Stangen.
Greift zu, schlagt tot,
dich nein,
ihr müsset ihn lebendig fangen.
Evangelist:
Und der Verräter hatte dieses ihnen
zum Zeichen lassen dienen:
Judas:
Dass ihr, wer Jesus sei, recht möget wissen,
will ich ihn küssen,
und dann dringt auf ihn zu
mit hellen Haufen!
Coro:
Er soll uns nicht entlaufen.
Judas:
Nimm, Rabbi, diesen Kuss von mir.
Jesus:
Mein Freund, sag, warum kommst du hier?
Petrus:
Gift und Glut, Strahl und Flut,
ersticke, verbrenne, zerschmettre, versenke
den falschen Verräter
voll mörderischer Ränke!
Man fesselt Jesum jämmerlich,
Und keine Wetter regen sich?
Auf denn, mein unverzagter Mut,
vergieß das frevelhafte Blut,
weil es nicht tut Gift und Glut,
Strahl und Flut!
Jesus:
Steck nur das Schwert an seine, Ort;
denn wer das Schwert ergreift,
wird durch das Schwert erkalten.
Wie oder glaubst du nicht,
dass ich sofort von meinem Vater in der Höhe
der Engel Hülfe könn erhalten?
Allein, es will die Schrift,
dass es also geschehe.
Ihr kommt mit Schwertern und mit Stangen,
als einen Mörder mich zu fangen,
da ihr doch, wie ich euch gelehrt,
im Tempel täglich angehört;
und keiner hat sich je gelüsten lassen,
mich anzufassen.
Allein es muss nunmehr geschehen,
was die Propheten längst vorhergesehn.
Coro:
O weh, sie binden ihn
mit Strick und Ketten!
Auf, auf, lasst uns fliehen!
Und unser Leben retten!
Petrus:
Wo flieht ihr hin?
Verzagte, bleibt!
Doch ach, sie sind schon fort!
Was fang' ich an?
Folg' ich den andern nach,
weil ich allein ihm doch nicht helfen kann?
Nein, nein, mein Herz, nein, nein!
Ich lass' ihn nicht allein,
und sollt' ich auch mein Leben gleich verlieren,
will ich doch sehn, wohin sie Jesum führen.
Nehmt mich mit, verzagte Scharen,
hier ist Petrus ohne Schwert!
Lasst, was Jesus widerfährt,
mir auch widerfahren.
Evangelist:
Und Jesus ward zum Palast Caiphas',
woselbst der Priesterrat versammelt saß,
mehr hingerissen als geführet;
und Petrus, bald vom Grimm
und bald von Furcht gerühret,
folgt' ihm von ferne nach.
Indessen war der Rat,
doch nur umsonst geflissen,
durch falsche Zeugen
ihn zu fangen;
derhalben Caiphas also zu Jesus sprach:
Caiphas:
Wir wollen hier von dem,
was du begangen,
und deiner Lehre Nachricht wissen.
Jesus:
Was ich gelehrt, ist öffentlich geschehn,
und darf ich es ja dir
nicht hier erst sagen;
du kannst nur die,
so mich gehöret, fragen.
Kriegsknecht:
Du Ketzer, willst dich unterstehn,
zum Hohenpriester so zu sprechen!
Wart, dieser Schlag
soll deinen Frevel rächen!
Tochter Zion:
Was Bärentatzen, Löwenklauen
trotz ihrer Wut sich nicht getrauen,
tust du, verruchte Menschenhand!
Was Wunder, dass in höchster Eile
der wilden Wetter Blitz und Keile
dich Teufelswerkzeug nicht verbrannt?
Evangelist:
Dies sahe Petrus an,
der draußen bei dem Feuer
sich heimlich hingesetzt.
Indem kam eine Magd,
die gleich, sobald
sie ihn erblickte, sagt:
1. Magd:
Ich schwöre hoch und teuer,
dass dieser auch von Jesus' Schar!
Petrus:
Wer? Ich?
Nein, wahrlich nein,
du irrest dich.
Evangelist:
Nicht lang hernach
fing noch ein' andre an:
2. Magd:
Soviel ich mich erinnern kann,
bist du mit dem, der hier gefangen,
viel umgegangen;
drum wundr' ich mich, dass du dich hier wagst.
Petrus:
Welch toll Geschwätz!
Ich weiß nicht, was du sagst;
ich kenne wahrlich seine nicht.
Evangelist:
Gleich drauf sagt ihm ein'
andre ins Gesicht:
3. Magd:
Du bist fürwahr von seinem Leuten
und suchst umsonst dich weiß zu brennen.
Im Garten warst du ihm zur Seiten,
auch gibt die Sprach' dich zu erkennen.
Petrus:
Ich will versinken und vergehn,
mich stürz' des Wetters Blitz und Strahl,
wo ich auch nur ein einzig Mal
hier diesen Menschen sonst gesehn!
Evangelist:
Drauf krähete der Hahn.
Sobald der heisre Klang
durch Petrus' Ohren drang,
zersprang sein Felsenherz,
und alsbald lief,
wie Moses' Fels
dort Wasser gab,
ein Tränenbach
von seinen Wangen ab,
wobei er trostlos rief:
Petrus:
Welch ungeheurer Schmerz
bestürmet mein Gemüt!
Ein kalter Schauder schreckt die Seele;
die wilde Glut der dunklen Marterhöhle
entzündet schon mein zischendes Geblüt;
mein Eingeweide kreischt auf glimmen Kohlen.
Wer löschet diesen Brand,
wo soll ich Rettung holen?
Heul, du Fluch!
Heul, du Fluch der Menschenkinder!
Zittre, wilder Sündenknecht!
Zittre, denn Gott ist gerecht,
er vertilgt verstockte Sünder.
Doch wie,
will ich verzweifelnd untergehn?
Nein, mein beklemmtes Herz,
mein schüchternes Gemüte
soll meines Jesu Wundergüte
und Gnad' anflehn.
Schau, ich fall' in strenger Busse,
Sünderbüßer, die zu Fuße,
lass mir deine Gnad' erscheinen,
dass der Fürst der dunklen Nacht,
der, da ich gefehlt, gelacht,
mög' ob meinen Tränen weinen!
Coro:
Ach, Gott und Herr, wie groß und schwer
sind mein' begangnen Sünden!
Da ist niemand, der helfen kann,
in dieser Welt zu finden.
Zu dir flieh' ich, verstoß mich nicht,
wie ich's wohl hab' verdienet.
Ach, Gott, zürn nicht, nicht ins Gericht,
Dein Sohn hat mich versühnet.
Evangelist:
Als Jesus nun, wie hart man ihn verklagte,
doch nichts zu allem sagte,
da fuhr ihn Caiphas mit diesen Worten an!
Caiphas:
Weil man nichts aus dir bringen kann
und du nur auf die Aussag' aller Zeugen
antwortest mit verstocktem Schweigen,
beschwör' ich dich bei Gott,
uns zu gestehn,
ob du seist Christus, Gottes Sohn?
Jesus:
Ich bin's!
Von nun an werdet ihr
zur rechten Hand der kraft
und auf der Wolken Thron
mich kommen sehn.
Caiphas:
O Lästerer!
Was dürfen wir nun weiter Zeugnis führen?
Ihn könnt es jetzo selber spüren,
was er sich hat erkühnt.
Was dünket euch?
Evangelist:
Drauf rief der ganze Rat sogleich:
Coro:
Er hat den Tod verdient!
Aria:
Erwäg, erwäg,
erwäg, ergrimmte Natterbrut,
was deine Wut
und Rachgier tut!
Den Schöpfer will ein Wurm verderben,
ein Mensch bricht über Gott den Stab!
Dem Leben sprecht ihr's Leben ab,
der Todes Tod soll durch euch sterben!
Evangelist:
Die Nacht war kaum vorbei,
die müde Welt lag
noch im Schlaf versenkt,
als Jesus abermals, in Ketten eingeschränkt
und mit abscheulichem Geschrei,
ward nach Pilatus hingerissen.
Tochter Zion:
Hat dies mein Heiland leiden müssen?
Für wen, ach Gott, für wen?
Für wessen Sünden lasst er sich binden?
Für welche Fehler, was für Schulden
muss er der Schergen Frevel dulden?
Wer hat, was Jesus büßt, getan?
Nur ich bin schuld daran.
Meine Laster sind die Stricke,
seine Ketten meine Tücke,
meine Sünden binden ihn.
Diese trägt er, mich zu retten,
damit ich der Höllen Ketten
mög' entfliehen.
Judas:
Oh, was hab' ich, verfluchter Mensch, getan!
Rührt mich kein Strahl,
will mich kein Donner fällen?
Brich, Abgrund, brich,
eröffne mir die düstre Bahn zur Höllen!
Doch ach, die Höll' erstaunt
ob meinen Taten,
die Teufel selber schämen sich!
Ich Hund hab' meinen Gott verraten.
Lasst diese Tat nicht ungerochen,
zerreißt mein Fleisch,
zerquetscht die Knochen,
ihn Larven jener Marterhöhle!
Straft mit Flammen,
Pech und Schwefel
meine Frevel,
dass sich die verdammte Seele
ewig quäle.
Unsäglich ist mein Schmerz,
unzählbar meine Plagen!
Die Luft beseufzt, dass sie mich hat genährt;
die Welt, die weil sie mich getragen,
ist bloß darum verbrennenswert;
die Sterne werden zu Kometen,
mich, Scheusal der Natur, zu töten;
dem Körper schlägt die Erd' ein Grab,
der Himmel meiner Seel' den Wohnplatz ab.
Was fängst du denn, Verzweifelter,
verdammter Mörder, an?
Eh' ich mich soll so
unerträglich kränken,
will ich mich henken!
Tochter Zion:
Die ihr Gottes Gnad' versäumet
und mit Sünden Sünden häuft,
denket, dass die Straf' schon keimet,
wann die Frucht der Sünden reift.
Evangelist:
Wie nun Pilatus Jesum fragt,
ob er der Judenkönig wär,
sprach er:
Jesus:
Du hast's gesagt.
Coro:
Bestrafe diesen Übeltäter,
den Feind des Kaisers, den Verräter!
Pilatus:
Hast du denn kein Gehör?
Vernimmst du nicht,
wie hart sie dich verklagen?
Und willst du nichts
zu deiner Rettung sagen?
Evangelist:
Er aber sagte nichts mehr.
Tochter Zion:
Sprichst du denn auf dies Verklagen
und das spöttische Befragen,
ewig Wort, kein einzig Wort?
Jesus:
Nein, ich will euch jetzo zeigen,
wie ich wiederbring' durch Schweigen,
was ihr durchs Geschwätz verlort.
Evangelist:
Pilatus wunderte sich sehr,
und weil von den Gefangenen auf das Fest
er einen pflegte loszuzählen,
bemüht er sich aufs best',
dass sie von ihm und Barrabas,
der wegen eines Mords gefangen saß,
doch möchte Jesum wählen,
Allein der Haufe rief mit grässlichem Geschrei:
Coro:
Nein, diesen nicht,
den Barrabas gib frei!
Pilatus:
Was fang' ich denn
mit eurem sogenannten König an?
Coro:
Weg, weg, weg!
Lass ihn kreuzigen!
Pilatus:
Was hat er denn getan?
Coro:
Weg, weg, weg!
Lass ihn kreuzigen!
Evangelist:
Wie er nun sah,
dass dies Getümmel nicht zu stillen,
so rief er endlich "ja"
und übergab ihn ihrem Willen.
Tochter Zion:
Besinne dich, Pilatus, schweigt, halt ein!
Vermeide doch der Höllen Schwefelflammen!
Soll Gottes Sohn von dir verurteilt sein?
Willst du, Verdammter, Gott verdammen?
Will deine freche Grausamkeit
der toten Welt ihn Leben,
der Engel Lust, den Herrn der Herrlichkeit
verworfnen Schergen übergeben?
Dein Bärenherz ist felsenhart,
solch Urteil abzufassen!
Soll Gott erblassen?
Ich wundre mich, du Zucht der Drachen,
Dass dir in dem verfluchten Rachen
die Zunge nicht erschwarzet und erstarrt!
Evangelist:
Drauf zerrten die Kriegsknecht' ihn hinein
und riefen, ihre Wut mehr anzuflammen,
die ganze Schar zusammen;
die banden ihn an einen Stein
und geißelten den zarten rücken
mit nägelvollen Stricken.
Gläubige Seele:
Ich seh', an einen Stein
gebunden, den Eckstein,
der ein Feuerstein der ew'gen Lieb',
der ewigen Liebe scheint Wunden,
weil er die Glut im Busen trägt,
seh' ich, sooft man auf ihn schlägt,
sooft mit Strick und Stahl
die Schergen auf ihn dringen,
aus jedem Tropfen Blut
der Liebe Funken springen.
Drum, Seele, schau mit ängstlichem Vergnügen,
mit bittrer Lust und mit beklemmtem Herzen,
dein Himmelreich in seinen Schmerzen,
wie dir auf Dornen, die ihn stechen,
des Himmels Schlüsselblumen blühn!
Du kannst der Freuden Frucht
von seiner Wehmut brechen.
Schau, wie die Mörder ihn
auf seiner Rücken pflügen,
wie tief, wie grausam tief
sie ihre Furchen ziehn,
die er mit seinem Blut begießet,
woraus der toten Welt
des Lebens Ernt' entsprießet!
Ja, ja, aus Jesus' Striemen fließet ein Balsam,
dessen Wunderkraft
von solcher selten Eigenschaft,
dass er sein' eigne nicht,
nur fremde Wunden heilet,
uns Leben, Lust und Trost,
ihm selbst den Tod erteilet.
Dem Himmel gleicht sein buntgefärbter Rücken,
den Regenbögen ohne Zahl
als lauter Gnadenzeichen schmücken,
die, da die Sündflut unser Schuld versieget,
der holden Liebe Sonnenstrahl
in seines Blutes Wolken zeiget.
Evangelist:
Wie nun das Blut mit Strömen von ihm rann,
da zogen sie ihm einem Purpur an
und krönten ihn, zu desto größerm Hohn,
mit einer Dornenkron'.
Tochter Zion:
Die Rosen krönen sonst
der rauhen Dornen Spitzen;
wie kommt's, dass hier ein Dorn
die Saronsrose krönt?
Da auf den Rosen sonst
Aurora Perlen tränt,
fängt hier die Rosen selbst
Rubinen an zu schwitzen,
jawohl, erbärmliche Rubinen,
die aus geronnen Blut
aus Jesus' Stirne stehn!
Ich weiß, ihr werdet mir
zum Schmuck der Seelen dienen,
und dennoch kann ich euch
nicht ohne Schrecken sehn.
Verwegner Dorn, barbarsche Spitzen!
Verwildert Mordgesträuch, halt ein!
Soll dieses Hauptes Elfenbein
dein spröder Stachel ganz zerritzen?
Verwandelt euch vielmehr
in Stahl und Klingen,
durch dieser Mörder Herz zu dringen,
die Tiger, keine Menschen sein!
Doch der verfluchte
Strauch ist taub,
hör, wie mit knirschendem Geräusch
sein Drachenzähnen gleiches Laub
durchdringt Sehnen,
Adern, Fleisch!
Lass doch diese herbe Schmerzen,
frecher Sünder, dir zu Herzen,
ja durch Mark und Seele gehn!
Selbst die Natur fühlt Schmerz und Grauen,
ja sie empfindet jeden Stich,
da sie der Dornen starre Klauen
so jämmerlich in ihres Schöpfers Haupt
sie eingedrücket stehn.
Dir zarten Schläfen sind bis ans Gehirne
durchlöchert und durchbohrt.
Schau, Seele, schau,
wie von der göttlich schönen Stirne
gleich einem purpurfarbnen Tau,
der vom gestirnten Himmel sich ergießt,
ein lautrer Bach von blut' gem Purpur fließt!
Jesu! Jesu, dich mit unsern Seelen zu vermählen,
schmilzt dein liebend Herz vor Liebe;
ja, di gießest in die Glut
statt des Öls für heiße Triebe
dein vor Liebe wallend Blut.
Evangelist:
Drauf beugten sie aus Spott vor ihm die Knie
und fingen lachend an zu schreien:
Coro:
Ein jeder sei ihm untertänig!
Gegrüßet seist du, Judenkönig!
Evangelist:
Ja, scheueten sich nicht,
ihm ins Gesicht zu speien.
Tochter Zion:
Schäumest du, du Schaum der Welt,
speit dein Basiliskenrachen,
Brut der Drachen,
dem, der alle Ding' erhält,
Schleim und Geifer ins Gesicht
und die Höll' verschlingt dich nicht?
Evangelist:
Worauf sie mit dem Rohr,
das seine Hände trugen,
sein schon blutrünstig Haupt zerschlugen.
Tochter Zion:
Bestürzter Sünder, nimm in acht
des Heilands Schmerzen!
Komm, erwäge,
wie durch die Heftigkeit der Schläge
der beulenvolle Scheitel kracht;
wie sie sein heil'ges Hirn zerschellen,
wie deine Taubenaugen schwellen!
Schau, sein zerrauftes Haar,
das vor mit Tau gesalbt und voller Locken war,
ist jetzt von Eiter nass
und klebt von dickem Blut!
Dies alles duldet er bloß dir zu gut.
Heil der Welt,
dein schmerzlich Leiden
schreckt die Seel'
und bringt ihr Freunden,
du bist ihr erbärmlich schön;
durch die Marter, die dich drücket,
wird sie ewiglich erquicket,
und ihr graut, dich anzusehn.
Evangelist:
Wie man ihm nun genug Verspottung,
Qual und Schmach hatt' angetan,
riss man ihm ab den Purpur, den er trug,
und zog ihm drauf sein' eignen Kleider an,
und endlich führeten sie hin,
dass sie ihn kreuzigten, zur Schädelstätte hin.
Tochter Zion:
Eilt, ihr angefochten Seelen,
geht aus Achsaphs Mörderhöhlen,
kommt!
Coro:
Wohin?
Tochter Zion:
Kommt!
Coro:
Wohin?
Tochter Zion:
Nach Golgatha.
Eilet auf des Glaubens Flügel,
fliegt!
Coro:
Wohin?
Tochter Zion:
Fliegt!
Coro:
Wohin?
Tochter Zion:
Zum Schädelhügel,
eure Wohlfahrt blühet da!
Kommt!
Coro:
Wohin?
Tochter Zion:
Kommt!
Nach Golgatha.
Maria:
Ach Gott, ach Gott!
Mein Sohn wird fortgeschleppt,
wird weggerissen!
Wo führt ihr ihn, verruchte Mörder, hin?
Zum Tode, wie ich merke.
Hab' ich denn seinen Tod erleben müssen,
gekränkte Mutter, die ich bin?
Wie schwer ist meines Jammers Last!
Es dringt ein Schwert durch meine Seele,
mein Kind, mein Herr, mein Gott erblasst!
Ist denn für so viel Wunderwerke
nunmehr das Kreuz sein Lohn?
Ach Gott, ach Gott, mein Sohn!
Maria:
Soll mein Kind, mein Leben, sterben,
und vergiesst mein Sohn sein Blut?
Jesus:
Ja, ich sterbe dir zugut,
dir den Himmel zu erwerben.
Evangelist:
Und er trug selbst sein Kreuz.
Tochter Zion:
Ach, herbe Plagen,
ach Marter, die man nicht erzählen kann!
Musst du, mein Heiland, dann das Holz,
das dich bald tragen soll,
selbst tragen?
Du tragst es, ja,
und niemand hört dich klagen
Es scheint, da den zerkerbten Rücken
des Kreuzes Last,
der Schergen Ungestüm zu Boden drücken,
er danke mit geboren Knien
dem großen Vater,
dass er ihm das lang verlangte Kreuz verliehn
Evangelist:
Wie sie nun an die Stätte, Golgatha mit Namen,
mit Jesus kamen,
ward er mit Gall' und Wein getränkt
und endlich gar ans Kreuz gehenkt.
Gläubige Seele:
Hier erstarrt mein Herz und Blut,
hier erstaunen Seel' und Sinnen!
Himmel, was wollt ihr beginnen?
Wisst ihr, Mörder, was ihr tut?
Dürft ihr Hund', ihr Teufel wagen,
Gottes Sohn ans Kreuz zu schlagen?
O Anblick, o entsetzliches Gesicht!
Wie scheußlich wird mein Seelenbräutigam
von diesen Bütteln zugericht't!
Jetzt reißen sie das unbefleckte Lamm
wie Tiger voller Wut zur Erden.
Ach schau! Jetzt fängt man an,
mit grässlichen Gebärden,
ihm Hand und Fuß, ihm Arm und Sehnen
erbärmlich auszudehnen,
mit Stricken auszupflöcken,
dass man an ihm fast alle Beine zählt!
Ach Gott, ich sterbe schier vor Schrecken
und werde fast durchs bloße Sehn entseelt!
Coro:
O Menschenkind, nur deine Sünd'
hat dieses angerichtet,
da du durch die Missetat
warest ganz zernichtet.
Evangelist:
Sobald er nun gekreuzigt war,
da losete die Schar
der Kriegsknecht' um sein Gewand;
und über seinem Haupte stand
"Der Judenkönig" angeschrieben;
und die vorübergingen,
die lästerten und trieben Gespött mit ihm,
wie auch die, die bei ihm hingen:
Coro:
Pfui! Pfui, pfui!
Pfui! Seht mir doch den neuen König an!
Bist du ein solcher Wundermann,
so steig herab vom Kreuz;
hilf dir selbst und uns;
so wissen wir's gewiss.
Evangelist:
Und eine dicke Finsternis
die nach der sechsten Stund' entstand,
kam übers ganze Land.
Gläubige Seele:
Was wunder, dass der Sonnen Pracht,
dass Mond und Sterne nicht mehr funkeln,
da eine falbe Todesnacht
der Sonnen Sonne will verdunkeln!
Evangelist:
Dies war zur neunten Stund'!
Und bald hernach rief Jesus laut und sprach:
Eli! Eli! Lama Asaphtani!
Das ist in unser Sprache zu fassen:
Mein Gott, mein Gott, wie hast du mich verlassen!
Darnach, wie ihm bewusst, dass alles schon vorbei,
rief er mit lechzendem Geschrei:
Mich dürst't!
Gläubige Seele:
Mein Heiland, Herr und Fürst!
Da Peitsch' und Ruten dich zerfleischen,
da Dorn und Nagel dich durchbohrt,
sagst du ja nicht ein einzig Wort.
Jetzt hört man dich
zu trinken heischen,
so wie ein Hirsch nach Wasser schreit:
Wonach mag wohl den Himmelsfürsten,
des Lebens Wasserquelle, dürsten?
Nach unsrer Seelen Seligkeit.
Evangelist:
Drauf lief ein Kriegsknecht hin,
der einen Schwamm, mit Essig angefüllt, nahm
und steckt' ihn auf ein Rohr,
und hielt ihn ihm zu trinken vor.
Hierauf rief Jesus laut mit ganzer Macht:
Es ist vollbracht!
O Donnerwort! O schrecklich Schrein!
O Ton, den Tod und Hölle scheuen,
der ihre Macht zu Schanden macht!
O Schall, der Stein und Felsen teilet,
wovor der Teufel bebt und heulet,
wovor der dürste Abgrund kracht!
Es ist vollbracht, es ist vollbracht!
O selig's Wort! O heilsam Schreien!
Nun darfst du, Sünder,
nicht mehr scheuen,
des Teufels und der Höllen Macht.
O Schall, der unsern Schaden heilet,
der uns die Seligkeit erteilet,
die uns Gott längst hat zugedacht!
Es ist vollbracht, es ist vollbracht!
Gläubige Seele:
O selig, wer dies glaubt
und wer, wenn seine Not am größten,
sich dieser Worte kann getrösten!
Evangelist:
Drauf neiget er sein Haupt.
Tochter Zion:
Sind meiner Seelen tiefe Wunden
durch diene Wunden nun verbunden?
Kann ich durch deine Qual und Sterben
nunmehr das Paradies ererben?
Ist aller Welt Erlösung nah?
Gläubige Seele:
Dies sind der Tochter Zions Fragen.
Weil Jesus nun nicht kann
vor Schmerzen sagen,
so neiget er sein Haupt und winket: Ja!
Tochter Zion:
O Großmut! O erbarmendes Gemüt!
Evangelist:
Und er verschied.
Gläubige Seele:
Brich, brüllender Abgrund,
zertrümmre, zerspalte!
Zerfall, zerreiß, du Kreis der Welt!
Erzittert, ihr Sterne, ihr himmlischen Kreise,
erschüttert und hemmet die ewige Reise!
Du helle Sonn', erlisch, erkalte!
Dein Licht verlischt,
und eure Stütze fällt.
Ja, ja, es brüllet schon
in unterirdischen Grüften;
es kracht bereits der Erden Grund;
des finstern Abgrunds schwarzer Schlund
erfüllt die Luft
mit Schwefeldüften.
Hauptmann:
Hilf, Himmel, was ist dies?
Ihr Götter, wie wird mir zu Mut?
Es fällt die Welt in schwarze Finsternis,
in Dunst und Nebel schier zusammen.
O weh, der Abgrund kracht
und speiet Dampf und Glut,
die Wolken schüttern Blitz,
die Luft gebiert Flammen,
der Fels zerreißt,
es bersten Berg und Stein:
Sollt Jesus' Tod hieran wohl Ursach' sein?
Ach ja, ich kann aus allen Wundern lesen:
Der Sterbende sei Gottes Sohn gewesen!
Gläubige Seele:
Wie kommt's, dass
da der Himmel weint,
da seine Klüfte zeigt
des blinden Abgrunds Rachen,
da Berge bersten,
Felsen krachen,
mein Felsenherz sich nicht erweicht?
Ja, ja, es klopft, es bricht:
Sein Sterben reißt meine Seel'
aus dem Verderben.
Bei Jesus' Tod und Leiden
leidet des Himmels Kreis,
die ganze Welt; der Mond,
der sich in Trauer kleidet,
gibt Zeugnis,
dass sein Schöpfer fällt;
es scheint, als lösch' in Jesus' Blut
des Feu'r der Sonnen Strahl und Glut.
Man spaltet ihm die Brust.
Die kalten Felsen spalten, zum Zeichen,
dass auch sie den Schöpfer sehn erkalten.
Was tust denn du, mein Herz?
Ersticke, Gott und Ehren,
in einer Sündflut bittrer Zähren!
Coro:
Mein' Sünd' mich werden kränken sehr,
mein G'wissen wird mich nagen,
denn ihr' sind viel wie Sand am Meer,
doch will ich nicht verzagen;
gedenken will ich an den Tod;
Herr Jesu, deine Wunden rot,
die werden mich erhalten.
Tochter Zion:
Wisch ab der Tränen scharfe Lauge,
steh, sel'ge Seele, nun in Ruh'!
Sein ausgesperrter Arm und sein geschlossen Auge
sperrt dir den Himmel auf
und schließt die Höllen zu.
Coro:
Ich bin ein Glied an deinem Leib,
des tröst' ich mich von Herzen;
von dir ich ungeschieden bleib'
in Todesnot und Schmerzen.
Wann ich gleich sterb', so sterb' ich dir,
ein ewig's Leben hast du mir
mit deinem Tod erworben.